Harninkontinenz, das Tabuthema

Millionen Betroffene

Harninkontinenz, das TabuthemaDie Schätzungen reichen von zwei bis zu vier Millionen: So viele Menschen sind in Deutschland von Harninkontinenz betroffen. Das Wort Inkontinenz wird abgeleitet vom lateinischen continentia = Zurückhalten. Das Gegenteil, die incontinentia ist also das Unvermögen, etwas zurückzuhalten.

Harninkontinenz, im Volksmund als Blasenschwäche bezeichnet, bedeutet also, dass die Betroffenen ungewollt Urin verlieren. Daneben gibt es die Stuhlinkontinenz, von der ca. 800.000 Deutsche betroffen sind.

Besonders problematisch ist, dass man nicht gerne über Inkontinenz redet. Man versucht häufig, sich irgendwie durch den Alltag zu mogeln, in der Hoffnung, dass niemand etwas davon bemerkt.

In vielen Fällen kommt es so weit, dass sich die Betroffenen kaum noch aus dem Haus trauen. Sie verzichten auf Aktivitäten, die sie eigentlich gerne unternehmen, und isolieren sich zunehmend selbst.

Wieder andere trinken zu wenig und versorgen ihren Stoffwechsel dadurch nicht mit der benötigten Flüssigkeit. Oder ständig wiederkehrende Harnwegsentzündungen werden verschleppt.

Auch dem Arzt gegenüber wird das Thema lange Zeit verschwiegen. Das ist besonders problematisch, weil oft wirksame Hilfe möglich ist. Harninkontinenz kann nicht in jedem Fall geheilt werden, aber oft ist eine wesentliche Linderung möglich.

Formen der Inkontinenz

Die Medizin unterscheidet verschiedene Formen der Harninkontinenz, darunter Stress-Inkontinenz, Drang-Inkontinenz und Überlauf-Inkontinenz.

Bei der Stress-Inkontinenz, auch Belastungs-Inkontinenz genannt, kann die schließende Muskulatur einem erhöhten Druck in der Bauchhöhle - z.B. durch Husten, Niesen, Lachen, schweres Heben, Treppensteigen oder schnelle Bewegungen - nicht standhalten.

Drang-Inkontinenz, auch als Urge-Inkontinenz bezeichnet, bedeutet, dass sich der Blasenmuskel (auch bei einer geringen Füllmenge) ungewollt zusammenzieht und dadurch Urin ausgeschieden wird. Dies kann z.B. bei einer Blasenentzündung geschehen.

Die Reizblase gilt als Sonderform der Drang-Inkontinenz. Hier spielen nicht nur körperliche Ursachen (Störung der Füllungs-Wahrnehmung, Störungen in der Übermittlung von Nervenimpulsen) eine Rolle, sondern auch seelische Faktoren.

Die Überlauf-Inkontinenz besteht darin, dass beim Wasserlassen noch Restharn zurückbleibt, der tröpfelnderweise "überläuft". Als Ursachen kommen eine Schwäche des Blasenmuskels oder eine Verengung der Harnröhre, z.B. durch Prostatavergrößerung, in Frage.

Daneben gibt es u.a. Mischformen von Drang- und Stress-Inkontinenz, die relativ häufig vorkommen, sowie die Reflex-Inkontinenz, bei der die Übermittlung der Nervenimpulse gestört ist, z.B. durch Querschnittslähmung.

Was hilft?

In vielen Fällen, vor allem bei Stress-Inkontinenz, ist Beckenbodentraining hilfreich. Dabei lernen die Betroffenen, ihre Beckenbodenmuskulatur richtig einzusetzen, um den Harnfluss besser kontrollieren zu können.

Das Beckenbodentraining, das (zumindest anfangs) unter fachkompetenter Anleitung erfolgen sollte, lässt sich durch bestimmte Hilfsmittel unterstützen. Dazu gehören Biofeedback-Geräte, die dem Betroffenen melden, wenn er die Muskeln richtig anspannt.

Für Frauen gibt es sogenannte Vaginalkonen, die in die Scheide eingelegt werden und von der Patientin dort festgehalten werden müssen. Die Behandlung der Drang- und der Überlauf-Inkontinenz kann durch ein spezielles Verhaltenstraining ("Blasentraining") ergänzt werden.

Als natürliche Arzneistoffe sind Kürbiskerne, Sägepalme (Sabal), Pollen und Brennnesselextrakt einen Versuch wert - nicht nur für Männer mit einer vergrößerten Prostata.

In manchen Fällen ist allerdings eine Operation notwendig, oder der Patient ist dauerhaft auf Hilfsmittel angewiesen.

Inkontinenz-Einlagen und -Hosen können die Inkontinenz selbst nicht beheben, aber sie helfen den Betroffenen, ihren Alltag entspannter zu gestalten. Solche Hilfsmittel gibt es in den verschiedensten Größen und Formen, um dem individuellen Problem gerecht zu werden.

Bei der Auswahl können Sie sich von Ihrem Arzt oder in Ihrer Apotheke beraten lassen. Moderne Einlagen sind sehr saugfähig und geruchsbindend, sodass man damit problemlos unter Menschen gehen kann.